Die Situation hatte schon etwas surreales. Von der einen Seite der engen Gasse irgendwo im Istanbuler Basar-Viertel hallt ein kräftiges ?Werder, Werder? aus dem Teppichladen. Von der anderen Seite, aus einem Geschäft für Batterien, kommt ein ebenso kräftiges ?Schachtar, Schachtar? zurück. In der Mitte stehe ich, gekleidet natürlich in einem traditionellen Marco Bode-Trikot, neben mir mein Bruder, den Werder-Schal locker um den Hals geworfen. An uns vorbei gehen gerade zwei Jungs mit einem grell-orangenen Schachtar Donezk-Schal. Klare Sache, auch die einheimischen waren im Vorfeld des UEFA-Cup-Finales mit dem Herzen dabei. Oder wollten sie uns einfach nur in ihr Geschäft locken? Egal, in den verwinkelten Straßen ging es hoch her.

Später sind wir mit Wolle aus Augsburg sowie Thomas und Isa aus Nürnberg unterwegs. Getroffen haben wir die drei in der Straßenbahn und beim Bierholen. Thomas und Isa haben etwas besonderes dabei, einen UEFA-Cup in Originalgröße, selbst gebastelt. Oder vom Papa gebastelt, egal. In Hamburg durfte er nicht ins Stadion, von wegen Gefahr wegen Wurfgeschossen. Auf den Istanbuler Straßen ist der Pokal aber ein Held. Den Weg zur Fähre und später zum Stadion müssen wir ungefähr alle dreißig Meter unterbrechen, weil jeder ein Foto mit dem Pokal haben möchte. Verdammt, die sollen bis nach dem Spiel warten, dann ist der gebastelte Pokal gegen den echten eingetauscht...

Ungläubig zückte der Istanbuler sein Handy, stellte die Kamera an und filmte, was das Zeug hielt. Die Fähre schaukelte gemächlich bis stark, einige Fahrgäste hatten schon deutlich mehr Schlagseite. Auf dem Oberdeck hatte sich in der einen Ecke eine Bremer Kolonie breitgemacht, bewaffnet mit Efes-Pils aus der 0,5er-Hülse. ?Steht auf, wenn ihr Bremer seit!? und ?Wer nicht hüpft, der ist Hamburger!? wird angestimmt. In der anderen Ecke ist ein Trupp Schachtar-Fans mit der Spielvorbereitung beschäftigt. Mit Bier geben sich die Jungs gar nicht erst ab, Kinderkram, wie sie meinen. Es kreist die Liter-Flasche Whiskey, begleitet von einer kleinen Dose Cola, natürlich nur für den Geschmack.

Es ist der Tag nach dem Finale. Der Werder-Schal liegt im Hotelzimmer, diesmal geht es inkognito zum Sightseeing. Blaue Mosche, Sultanspalast, Galata-Turm, Tadsch Mahal und Empire State, alles wird mitgenommen oder zumindest kurz angeschaut. Kurz vor Schließung zieht es uns noch einmal auf den ägyptischen Basar, Gewürze kaufen. Plötzlich und unvermittelt halt ein ?Hey, Glückspilz!? durch den Basar. Ich drehe mich um, tatsächlich, einer der Verkäufer, mit dem wir vor dem Finale über das Spiel philosophiert hatte. ?Du hattest Recht! Naldo hat getroffen!?, ruft er mir zu. In der Tat, ich hatte ihm am Mittwoch gesagt, dass Naldo ein Tor für Werder machen wird. Kein schlechter Tipp, wenn er sein Einkommen darauf verwettet hätte. Ich weiß nicht, ob er es gemacht hat, ich weiß aber, dass das Naldo-Tor nicht gereicht hat. ?Ein Tor war halt zu wenig?, sage ich ihm. Er antwortet: ?Richtig, aber schön ist es hier doch, oder?? Da hat er Recht, beim Spiel war es zu wenig, aber schön war es trotzdem in Istanbul.

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